Martin Stather

BLEIBEN SIE IN BEWEGUNG

All over Leiberg

Wird man unvermittelt mit Helge Leibergs Malerei konfrontiert, nimmt einen die Atemlosigkeit, die Dynamik und die Kraft des Ausdrucks sofort gefangen. Scheinbar mit Leichtigkeit geht da einer mit Pinsel und Tuschfeder um, setzt seine Zeichen rasch und und direkt. Die Farbe spritzt über die Leinwand, zeichnet den Schwung des Pinsels nach und läßt die Lebendigkeit der Bewegung direkt auf Leinwand und Papier spürbar werden. Die Leichtigkeit dieser Zeichnung ist eine der Hauptstärken von Leibergs Arbeitsweise; dabei kommt kein Zweifel auf – was hier so leicht gesetzt ist ist von meisterlicher Formbeherrschung und genauer Kenntnis von Bewegungsabläufen entstanden. Erst aus dieser Kenntnis erwächst eine figurative Abstraktion, die nur der Andeutung bedarf, um die Illusion im Kopf des Betrachters vollkommen zu machen. Und immer ist es der Mensch, den Leiberg ins Zentrum der Gestaltung setzt. Für gewöhnlich setzt er dabei Gegensatzpaare: einmal die Figur, von einem breiten Pinselstrich gebildet, daneben eine Gestalt, von feinen Umrisslinien hervorgehoben, Positiv- und Negativform, wenn mwn so will, die sich auf der Malfläche begegnen. Diese Figuren seines persönlichen Welttheaters agieren und begegnen sich vor Farbflächen, Farbstreifen und mit Strichen angedeuteten Flächen, die keine räumliche Illusion vermitteln wollen, höchstens einen malerischen Raum andeuten, eine Folie, vor der sich die Akteure wie in einem Bühnenbild bewegen. Damit ist klar, daß hier kein wie auch immer gearteter Realismus angestrebt wird – die Attribute täglichen Lebens fehlen und wir sehen Figuren, die stellvertretend für uns agieren, ähnlich wie im Theater. Die Gliedmaßen sind überlängt, die Gestik ausgreifend theatralisch, oft pathetisch überhöht. Die Körpersprache seiner Figuren ist eine tänzerische, eine, die sich in fließender Bewegung ausdrückt. Hin und wieder treibt die Bewegung die Figuren über die Bildfläche hinaus, überschneidet sie, so daß Teile der Gestalt außerhalb des Bildes sind. Ursprung solchen Fluchtverhaltens ist eine ältere Werkgruppe der „Sequenzen“, die Bewegungsabläufe und –szenen wie in einem Bilderbogen zusammenfasste. Diese szenischen Abfolgen waren ausschnitthaft gedacht – einzelne Bilder aus einem Gesamtzusammenhang, Bewegungsabfolgen wie in einem Reigen oder tänzerischem Zusammenspiel. Die Bewegung ist dabei immer wie bei einem schnellen Foto im Fluß eingefroren. Existenzielle Situationen des Lebens überträgt Helge Leiberg in die Form des Tanzes, eine Kunstform, die bereits archaische Mysterienspiele nutzten. Dabei ergeben sich immer wieder überraschende Begegnungen, wie z.B. die Ausdruckstänzerin auf dem blauen Elefanten, oder eine ungewohnt ruhige, fast beschauliche Szene in einem Segelboot mit Personnage und Pferd. Auch kalligrafische Einflüsse sind natürlich nicht zu übersehen, am deutlichsten werden diese vielleicht in den schlanken Hoch- und Breitformaten und in den reinen schwarz-weiß Kompositionen.
Ein herausragendes Bild berührt ein altes Thema der Kunstgeschichte – das Ecce Homo. Christus am Kreuz ist als Halbfigur wiedergegeben; nur der obere Teil des Körpers ist zu sehen, mit den weit auseinandergerissenen Armen und einer Drehung, die das schreckliche Verrenken der Figur am Kreuz erahnen läßt, ohne das Kreuz selbst sichtbar zu machen. Darunter, rechts, eine Figur, die auf den Gekreuzigten hinweist: „Sehet, ein Mensch.“ In der Konzentration auf das Wesentliche, Leid und Schmerz, wird Christus zum Mensch, der für alle anderen sein Leben gelassen hat. Leibergs karge Gestaltung verdichtet die Aussage auf ihr Zentrum.
Daneben zwei Arbeiten mit ockerfarbenem Hintergrund, Figurationen, Kamel und Fahrzeugen, ein Hinweis auf den Golfkrieg 2003, der die moderne Dimension der Kriegführung berührt, dabei den ewig gleichen Vorgang der Gewalt und des Tötens nicht ausblendet.
Bei den Tuschzeichnungen fallen die Blätter auf, in denen die Figuren mit einem Halbkreis agieren, diesen als Requisit spielerisch benutzen. Komposition und Spiel gehen in diesen Blättern eine schöne Verbindung ein, zeigen den Maler als Dompteur seines Figurentheaters, der die Puppen tanzen läßt und mit ihrer Gage essen geht.
Auch die Buchkunst bleibt nicht ausgespart, die Leiberg seit seinen frühesten Malertagen beschäftigt hat. Zu sehen ist eine kleine Auswahl seiner illustrierten Bücher, von Shakespeare-Sonetten über das Hohe Lied Salomons hin zu Arno Schmidt. Besonders interessant die Papiergüsse, in denen verschiedenfarbiges Papier zusammengegossen wird und so die Zeichnung entsteht, eine seltene und anspruchsvolle Technik, die Leiberg aus dem FF beherrscht.
Die Lust des Tanzes, darin sich das gesamte menschliche Leben spiegelt, das Leid, der Tod – Leibergs gestalterischer Spannungsrahmen umfasst nicht weniger als all dies. Mit traumwandlerischer Sicherheit und Meisterschaft skizziert er die Situationen, bündelt die Striche mit nie zuvor gesehener Intensität.
Erschöpft gehen wir nachhause oder in die Kneipe.

Martin Stather