Martin Stather

Horizontbeobachter

Herr Palomar geht einen einsamen Strand entlang. Vereinzelt trifft er auf Badende. Eine junge Frau liegt hingebreitet im Sand und sonnt sich mit nacktem Busen. Herr Palomar, ein diskreter Zeitgenosse, wendet den Blick zum Horizont überm Meer.
(Italo Calvino: Herr Palomar)

 Mit der menschlichen Beobachtung ist es ein verzwicktes Ding: das Naheliegende übersieht man gerne, dafür schweift der Blick zum Horizont. Was wohl dahinter liegen mag? Neugier und Forscherdrang (nicht zu vergessen: Gewinnstreben) haben im 16. Jahrhundert Wagemutige in ferne Länder geführt, Kontinente wurden neu entdeckt und erschlossen. Die Neugier auf das Fremde war groß, aber eigentlich war man gekommen, um die Heimat in die Fremde zu exportieren. Mit Schwert und Kreuz wurden die „Wilden“ zur eigenen Religion und Lebensart bekehrt und wer nicht wollte, dessen Leben nahm ein Ende. Wer in die Fremde reist, hat das Selbst immer mit im Gepäck. Oft ist das Verreisen heute nur gut um sich zu gruseln und hernach zu konstatieren: zuhause ist doch alles besser (wenn auch nicht billiger).
 „Go West!“ war der Schlachtruf der Siedler in Nordamerika. Die Ureinwohner wurden flugs abgeschlachtet oder in Reservate eingepfercht. Mit Schiffen aus Holz kamen die Siedler übers Meer und gedachten, es sich in der neuen Heimat gemütlich zu machen, da sie in der Mehrzahl in der alten Heimat keine Zukunft hatten. Die Beobachtung des Horizontes war wichtig, konnte man doch so frühzeitig Gefahren, die dort heraufzogen, erkennen.
Auch Helge Leibergs „Horizontbeobachter“ beobachten aufmerksam die Ferne; mit Hilfe eines Fernglases, indem die Augen beschattet werden, im Sitzen, Stehen, Gehen. Keiner beachtet, ganz wie der diskrete Herr Palomar, die Nackte im Vordergrund. Wir alle kennen diese männlichen Strategien: möglichst nahe am Objekt der Begierde sein, aber gekonnt Desinteresse heucheln. Leibergs „Horizontbeobachter“ übersehen das Naheliegende gezielt, um sich demselben etwas später nur umso intensiver zu widmen.

Allerdings - überlegt er, während er weitergeht und, kaum dass der Horizont wieder klar ist, die freie Bewegung seiner Augäpfel wieder aufnimmt – wenn ich mich so verhalte, bekunde ich ein Nichthinsehenwollen, und damit bestärke am Ende auch ich die Konvention, die den Anblick des Busens tabuisiert, beziehungsweise ich errichte mir eine Schranke, eine Art geistigen Büstenhalter zwischen meinen Augen und jenem Busen, dessen Anblick mir doch … durchaus frisch und wohlgefällig erschien.
(Italo Calvino: Herr Palomar)

 Was für Bocksprünge die Menschen zur Paarungszeit machen! Amüsant ist das, nur allzu menschlich und trotzdem immer wieder neu. Helge Leiberg ist als Künstler selbst so eine Art Horizontbeobachter, dazu Feldforscher auf dem Gebiet menschlicher Leidenschaften. Die Dualität des Lebens im Apollinischen und Dionysischen, die Verbindung rauschhaften Seins mit der Reflexion des Geistes in all seinen Spielarten interessiert den Künstler seit jeher – und was gäbe es Interessanteres zu beobachten. Nicht mit der Botanisiertrommel des Liebhabers seltener Exemplare ist er unterwegs, ihn fasziniert das ganz gewöhnliche Leben, das mitunter mehr zu bieten hat als das Ausgefallene. Die Verbindung von Malerei und Literatur ist ein gewichtiger Eckpunkt in seinem Schaffen. Leibergs immer stets auf den verdichteten Gehalt zielende Illustrationen vieler Klassiker (etwa Das Hohe Lied des Salomen, um nur eines zu nennen), aber auch im malerischen Dialog mit neuerer Literatur und Lyrik, sprechen von reiner Sinnenfreude, tiefster Verzweiflung und vom immerwährenden Reigen eines Lebens, das es zu feiern gilt. Die freie Kunst steht dem in nichts nach. Die Arbeit „Rotation“ mag hierfür als ein schönes Beispiel gelten. Die Licht- und Schattenseiten des Lebens schlaglichtartig und prägnant zu beleuchten, darin ist Helge Leiberg ein Meister, ohne dabei den Humor zu verlieren. Stundenlang am Stück könnte man den Leuten zusehen und was findet man am Ende? Natürlich sich selbst.

Schauen Sie mindestens 60 Sekunden unbeirrbar geradeaus und erleben Sie sich als Teil des Horizontes, der sich Ihren Augen Täglich erneuert.
(Radjo Monk: Stellung Horizont)

Spontan und leichtfüßig kommen die Malereien daher, gestisch und voller Tempo, die Figuren und das Drumherum auf das Wesentliche hin verkürzt. Das täuscht leicht darüber hinweg, dass Leibergs Malerei in philosophischen Tiefen wurzelt, diese verkürzte Form die Dinge in einzigartiger Weise auf den Punkt zu bringen vermag, eine beinahe emblematische Verdichtung erreicht. Großartig sind die Figuren seines Welttheaters mit ihrer expressiv überhöhten Gestik, die aus den verlängerten Gliedmassen erwächst. Im wahrsten Sinn des Wortes wachsen seine Figuren über sich hinaus, drehen Pirouetten und vollführen Sprünge wie weiland Neil Armstrong auf dem Mond. Elegant und verführerisch ziehen sie uns mit – was bleibt uns schon anderes übrig?

In Kapillarien, einem Land auf dem Grund des Meeres, leben ausschließlich Frauen, die sich selbst fortpflanzen, sogenannte Oihas, schöne und majestätische Wesen, fast zwei Meter groß mit engelhaften Zügen, weichen Körpern und langem blonden, wolkenförmigen Haar. Die Haut der Oihas ist seidig und durchscheinend wie Alabaster; dank ihrer Transparenz erkenn man die Knochen des Skeletts, die blauen Lungen, das rosa Herz, das ruhige Pulsieren der Adern.
(Italo Calvino: Der Archipel der imaginären Orte)

Eine Frau sitzt in einer halbkreisförmigen Schaukel. Ein Mann stemmt sich gegen die Schaukel, versucht, diese zu bewegen und erreicht doch immer nur ein Vor und Zurück. Auch dies ein Bild ewig gültigen Seins – die Bewegung ist mehr oder weniger imaginär, das Pendel schlägt immer wieder zurück. Sisyphos muss stets den gleichen Weg von vorn beginnen, so lange, bis er es endlich begreift: der Weg ist das Ziel. In ihrer Reduktion werden die Darsteller auf Leibergs Bildern zu einer allgemein gültigen Metapher des Lebens, in der Gestaltung gelingt es dem Künstler auf einzigartige Art und Weise, dem Leben seine ureigensten Qualitäten zu entlocken und auf die Leinwand zu bannen. Wir träumen uns in ein Leben voller Schönheit hinter dem Horizont. Und bleiben, wo wir sind.

Martin Stather