Christiane Bühling

POESIE & POSE II

Springen
Stolzieren
Staksen
Spazieren
Spreizen
Streiten
Schleichen
Stürmen
Schlawenzeln
Stampfen

Tanzen
Trompeten
Tollen
Taumeln
Trampeln
Turteln
Tätscheln

Dies sind einige Wortnoten aus der Bild- und Zeichenwelt von Helge Leiberg zur Einstimmung in seine eigenwillige Bildsymphonie.
Diese Reihung ließe sich beliebig fortsetzen, denn die Ausdrucksformen der Leibergschen Figur sind unendlich, er gewinnt seiner schwarzen entindividualisierten Silhouette immer wieder neue Bewegungsabläufe ab. In der Bewegung entdecken, erforschen und suchen die Figuren sich selbst, sie suchen nach Erkenntnis, nach Veränderungen, aber auch nach ihrem Platz in der Gemeinschaft, im Ganzen  Allein oder als Paar loten sie Handlungsspielräume aus. Manchmal sind sie einfach nur glücklich, verlieren sich im Tanz, andere Male wird gekämpft und gerungen.

Viel ist geschrieben und geredet worden über Leibergs dynamisch-vitales Bildtheater, das sich von schwarz-weiß Bildern zu in farblich kräftigen Bildhintergründen gestalteten Arbeiten entwickelt hat. In großen Retrospektiven sind diese Arbeiten in den letzten Jahren gewürdigt worden.
Ebenfalls bekannt ist sein multimediales Wirken, seine Affinität zu Tanz und Musik, auch seine Beschäftigung mit Literatur, nicht nur von zeitgenössischen Dichtern wie Christa Wolf, sondern auch von Schiller und Shakespeare. Zahlreiche Künstlerbücher sind in den letzten Jahrzehnten entstanden.

Die Ausstellung „Bewegtes Leben“ würdigt die Zeichnung als eigenes Segment, denn sie ist die Wurzel bzw. das Fundament von Helge Leibergs künstlerischer Entwicklung. Er begann in diesem Bereich,  bevor er sich der Leinwand und seit einigen Jahren auch der Skulptur widmete.
Zeichnung bedeutet auch heute für ihn nicht Skizzen für große Bilder, sondern sie ist immer ein ganz eigenständiger Bereich in seinem künstlerischen Schaffen geblieben.
Schrift, Grafik, Zeichnung sind in ihrem Ursprung etwas ganz nah beieinander Liegendes, man erinnere sich z.B. an die Kalligraphie der asiatischen und arabischen Tradition. Zeichen und Zeichnen sind sich nicht nur sprachlich sehr ähnlich und nah, Leibergs schwarze Figur mit ihren überdimensionierten Extremitäten, die so gut wie nie individuelle Züge trägt, ist auch ein gezeichnetes Zeichen.

Häufig werden Zeichnungen in großen Ausstellungen in einem Kabinett gezeigt, in kleinen Räumen, Nischen, die Ruhe und Schutz versprechen,  sowohl für die Arbeiten als auch für den Betrachter.
Ein Höchstmaß an Intimität bestimmt auch das Verhältnis des Künstlers zu seiner Zeichnung. „Hier komme ich mir selbst am nächsten“, so Helge Leiberg selbst. Diese Unmittelbarkeit fasziniert auch seine Künstlerkollegin Cornelia Schleime: „ Es bedarf eigentlich überhaupt keiner Anstrengung, diese Zeichnungen sind in mir, es fließt.“
Fließen tut es auch in Leibergs Papierarbeiten, wobei sein Pinselfluss, der unmittelbar der Intuition entspricht, häufig eher ein reißender Strom zu sein scheint. Er bricht aus dem vorgegebenem Flussbrett aus, der Pinsel wird ausgespritzt, Geist, Energie, was immer es sein mag, drängt aus ihm heraus, überschreitet die Grenzen der strengen Linie.
Immer eleganter und leichter sind die Figuren im Verlauf ´der künstlerischen Entwicklung geworden, immer wendiger, aufgelöster und sicherer.  Immer gewagter, aber auch ausbalancierter und stabiler werden ihre Bewegungen. Sie vermögen auf nur einer Zehe zu stehen und trotzdem strahlen sie mehr Stabilität und Sicherheit aus als mancher auf zwei Beinen Stehender.

Neben den sehr klassisch anmutenden Zeichnungen von schwarzen und roten Figuren, die in die weiß bleibende Fläche gesetzt werden, gibt es in der Serie „Babylon“ sowohl eine formale als auch inhaltliche Variante. Die sonst vorwiegend positive Lebensenergie, die seinen Papierarbeiten innewohnt, weicht hier Bedrohlichkeit und Düsternis. Zur Zeit des Irakkriegs entstanden, drücken sich hier die Schattenseiten des Daseins in den Vordergrund. Die Hintergründe sind ausgesprochen malerisch. Der trüb schwarz-rote gemalte Untergrund verstärkt das Gefühl von Grauen und Verzweiflung. Die Hochkultur des Zweistromlandes ist bedroht.

„Ich habe die Zeichnung nie als eine besondere Geschicklichkeitsübung betrachtet, sondern stets als Mittel feinste Schwingungen der Seele zu beschreiben, [als Mittel,] um mehr Einfachheit zu geben, Ausdruck vom Ursprung her, der ohne Schwere unmittelbar in den Geist des Betrachters eingeht.“
Dieses Zitat von Henri Matisse beschreibt in einzigartiger Weise die Besonderheit der Zeichnung, welche Helge Leiberg im Laufe seiner Karriere nie vernachlässigt, sondern sich durch sie immer wieder den Tönen der innersten Stimme, die unverfälscht und unverbraucht spricht, gewidmet hat.
Der Seele des Künstlers, aber auch unserer eigenen, vielleicht sogar der Seele des Daseins schlechthin können wir deshalb in der Zeichnung und ihrer Unmittelbarkeit ganz nahe kommen.
Im Spannungsbogen zwischen Kraft und Zerbrechlichkeit zeigt sich die Vielseitigkeit des Lebens.
Lassen wir uns darauf ein, bewegen wir uns, geistig, emotional, körperlich, laut und leise, lassen die unterschiedlichen Schwingungen seiner Figuren in uns eindringen und Teil seines symphonischen Menschentheaters werden. Die Anregungen,  die wir hierfür im zeichnerischen Werk Helge Leibergs bekommen, könnten reichhaltiger nicht sein.

Christiane Bühling

  • 1 Henri Matisse: Farbe und Gleichnis, Gesammelte Schriften, Zürich 1955 S.69 ff