Genesis

Münster - Das letzte Tageslicht erhellt die Lambertikirche am Samstagabend während der Live-Improvisation „Genesis“. Dazu kommen die kleinen Lichtinseln der zwei Projektoren im Mittelgang und einer winzigen Pultleuchte im Altarraum. Vor dem Altarraum, am vorderen Ende des Mittelganges, hängt eine riesige weiße Leinwand von der Decke herab. Gefühlt ist sie locker vier Meter hoch.

Helge Leiberg verwandelte diese Leinwand mit kräftigen Federstrichen und Pinselgekräusel zur großen, sich ständig ändernden Farblandschaft. Durch die Projektoren ist das Überlappen und Bewegen von Figuren möglich, können Vorlagen auf dem einen Projektor als statische Basis der sich entwickelnden Prozesse auf dem anderen Projektor dienen. Dadurch entstehen Bewegungen und Verläufe, die wie eine Art Zeichentrickfilm wirken.

Leiberg, ein Zeichner mit großer Performance-Erfahrung und sichtbarer Lust am Experimentieren, schuf sein sich ständig wandelndes Kunstwerk zu den Klängen von Orgel und Gitarre. Tomasz A. Nowak an der Orgel der Lambertikirche und Erhard Hirt an E-Gitarre und Live-Elektronik illustrierten die Zeichnungen und trieben sie mit musikalischen Impulsen voran.

Hohe, fast sphärische Klänge der Orgel zu ein paar mit der Tuschefeder hingekritzelten, abstrakten Figuren auf der Leinwand gab es zu Beginn. Kurz darauf verdichteten sich die Orgelklänge, suchten tiefste Register und mischten sich mit der sehr subtilen E-Gitarre, die durch die Elektronik schier unbegrenzte Klangmöglichkeiten hat und elegant, fast körperlos, im Raum schwebte.

Expressiv schritt die Schöpfung voran. Ein paar elektronische Sounds wie aus einem älteren Science-Fiction- Film, ein paar unter die Haut gehende Orgelklänge: Kamel und Mammut, schön lebendig in ihren spezifischen Haltungen gezeichnet, entstanden auf der Leinwand. Flott gezeichnete Details aus der Evolution, manchmal zum Schmunzeln einladend, führten zu Mann und Frau und der Schlange. Über allem schwebte ein großes Auge. Am Ende zogen sowohl die Musiker als auch Maler Leiberg wohlüberlegt alle Register, um den Biss in den Apfel und den Verlust des Paradieses in expressivster Weise in ihrem akustischen und optischen Happening in vielen Farben zu schildern.

Diese knappe Stunde opulenter Genesis im Rahmen des derzeitig laufenden WDR-Musikfestes - für Ohren und Augen gleichsam genussvoll, von diesem interessanten Künstlertrio exquisit ausgeführt - belohnten die Musikfreunde in der Lambertikirche mit viel Applaus.

VON HEIKE EICKHOFF, MÜNSTER

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