Dr. Dietrich Mahlow

Zwischen Sprung & Fall

aus dem Katalog „Zwischen Sprung und Fall“
der Galerie Peter Borchardt Hamburg 1999

Helge Leiberg springen ist sein Leben! Die Liebe ist sein Leben. Er weiß nicht, was soll es bedeuten, daß er so unruhig ist, ein Märchen aus uralten Zeiten, das Märchen der Liebe geht ihm nicht aus dem Sinn. Sein Leben ist der Sprung zum Menschen.
In der Bewegung des Menschen sucht er den Menschen, sucht er sich. Henri Michaux, zu dem man Vergleiche ziehen kann, ging von der Schrift aus zum Menschen. Handschrift in Bewegung. Helge geht vom Körper aus. Beide such(t)en das wirkliche Leben in der Kunst, den Garten des menschlichen Geistes und seiner Natur.
Helge greift immer auf die Chaos-Kräfte zurück, ohne sich in ihnen zu verlieren, sondern um immer von neuem zu beginnen, sie zu nutzen. „Man muß ein Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“, sagte Nietzsche – Helge gebiert tanzende Menschenspiele. Seine Gedanken sehen die Kunst, die Natur, die Menschen und ihre Worte immer in Bewegung und immer wieder „Skeptisch“! Kunst, Philosophie und Poesie gehen hin und her - wie wir - zwischen dem, was ist und dem, was nicht ist. Helge flicht Reflexe, entflechtet sie wieder, sät Augen aufs Papier, sät Wörter in die Augen.
Ein Gewebe von Kräften, die das Persönliche suchen und nicht die Globalisierung, so chaotisch sie sind, so lassen sie uns die unruhige Poesie seines Denkens erleben, immer zwischen Sprung und Fall. Bewegung als die ständige Veränderung der vielen Qualitäten des Menschen, die er doch hat, die aber oft in Statik verharren. So spiegelt Helge Leben, Kunst als Spiegel des bewegten Lebens. Der Mensch als Schrift-Zeichen, das alle Sprachen verbindet. Schrift des ganzen Menschen – die es doch aber gar nicht gibt. Die „Schrift“ seiner Menschen überspringt die Not, den Schmerz, das Sinnlose, Gewalt und Tod und wird immer wieder zum Fanal des Möglichen, des auch Dir Möglichen!
Wenn ich versuche, den Menschen im Sprung zu lesen, ist er schon davon – dann schließe ich die Augen – fasse mit meiner Hand meine Füße – springen kann man nur mit dem Fuß, und sich halten oder wehren mit den Händen. Der „Luftzug an der Ferse“ weht bis in die Haare, die gar keine sind, sondern nur Spritzer der Farbe. Busen, Hände, Beine, Füße, nur Farbstriche, der Körper fehlt. Nein, es ist das Weiße auf dem Blatt, das Fundament, die Grundlage, die Kraftquelle. Vieles scheint bei Helge zufällig zu sein (frei nach Schopenhauer) der du dein Wohlsein und deine Unabhängigkeit verdankest – und die Freude am öffnen der bisherigen Welt, auch der Töne der Musik und des Klangs der Sprache. Wie groß ist deine Welt, die dir der Zufall gab, was er vielen Tausenden versagte, um es einzelnen wie dir geben zu können?
Wie groß ist Helges Welt?
Manchmal tanzt der Körper mit dem Kopf im Bauch – der Kopf tanzt zwischen Geburt und Tod, Freude und Angst, Liebe und Einsamkeit, Freiheit und Notwendigkeit –und wer spielt Musik – wer holt den Klang aus dem Kopf? Wunderbar die Verbindung mit der Musik! Sie ruft Bilder hervor und die Bilder beginnen zu tönen. „We have eyes as well as ears and it is our business when we are alive to use them“, schrieb John Cage. Auge und Ohr verbinden sich.